Adventskalender 2017

(Vielen Dank an Pixabay für die tollen Fotos!)

Das Märchen vom Weihnachtswunder

 

Es war einmal ein Weihnachtslied, das in der Adventszeit erklang. Es bahnte sich seinen Weg durch die sanft herabrieselnden Schneeflocken in den Himmel empor, bis es schließlich in eine dicke, graue Wolke eintauchte. Ein Tohuwabohu aus Schnee und Regen erfasste das Lied und schleuderte es hin und her. Die Melodie konnte sich nicht mehr halten und brach auseinander. Staubkörnchen, Wassertropfen und Schneeflocken rempelten die Takte an. Diese versuchten zusammenzubleiben, doch die Naturgewalt war zu stark. Sie zerbröselten, bis nur noch einzelne Töne übrig waren, die verloren und haltlos durch die Wolke trudelten.

Ein Fis gelangte in die kälteste Region. Feine Wassertröpfchen setzten sich auf den Ton und gefroren zu filigranen Eiskristallen, die nur wenige Herzschläge später das Fis vollständig einhüllten.

Plötzlich erfüllte ein Knistern die eisige Luft. Für die Dauer eines Augenaufschlages verstummte der Wind. Jedes Staubkörnchen, jeder Tropfen, jede Schneeflocke und selbst das Fis in seiner Schneekristallhülle verharrte bewegungslos an Ort und Stelle. Es war, als bliebe die Zeit stehen.

 

Doch dann durchzuckte ein gleißend heller Blitz die Wolke. Er traf das Fis und katapultierte es senkrecht in die Höhe.

 

Oberhalb der Wolkendecke wurde das Fis von hellblauem Himmel und strahlendem Sonnenschein empfangen. Auf wundersame Weise hatte der Blitz ihm nichts anhaben können. Allerdings bestand die Hülle nun nicht mehr aus Eiskristallen, sondern aus einem Geflecht von Energiefäden, die golden glitzernd und ab und an kleine Funken sprühend, das Fis umgaben.

 

Unversehens tauchte ein göttlicher Hauch auf, umfing das Fis und hielt es behutsam der wärmenden Sonne entgegen. Ihre Strahlen nährten die Hülle, die stetig wuchs, deren Energie anschwoll und leise knisterte.

 

Dann, blitzartig explodierte die Kugel, hell und gleißend. Das Licht war so stark, dass es sogar die dicke Wolkendecke durchbrach und auf der Erde gesehen werden konnte. Dies war die Ankunft des Weihnachtswunders.

 


Matilda Lorenz stand, wie so oft in den letzten Tagen, im Wohnzimmer und starrte durch das große Panoramafenster in den Himmel hinauf. Sie spürte weder die Kälte, die sich durch die geöffnete Terrassentür ins Haus schlich, noch hörte sie das Weihnachtslied, das irgendwo in der Nachbarschaft gesungen wurde.

 

Sie stand einfach nur da, konzentrierte sich auf den Himmel und die Wolken und hoffte so inständig, dass Paul genau in diesem Moment, am anderen Ende der Welt, das Gleiche tun würde. Vielleicht könnte sie ihm dadurch Kraft geben.

 

Paul, ihr Sohn. Sie lächelte liebevoll, als sie daran dachte, wie lebhaft er als kleiner Junge gewesen war und wie anstrengend. Nachdem Paul die Schule mit Ach und Krach abgeschlossen hatte, begann er sich für Meteorologie zu interessieren. Aus eigenem Antrieb holte er das Abitur nach, studierte und schloss mit Auszeichnung ab. Ohne Probleme bekam er eine Anstellung bei Foresight Inc., einer weltweit agierenden Firma, die nach genaueren Wetterprognosemöglichkeiten forschte. Alles war gut.

Doch dann ging Paul auf eine Expedition ins ewige Eis.

Als er ihr und ihrem Mann Helmut mitteilte, dass er an der Expedition teilnehmen würde, fragte Matilda ihn, ob das denn unbedingt nötig und nicht zu gefährlich sei. Paul lachte nur. „Du machst dir immer zu viele Sorgen!“, sagte er. „Es wird alles bis aufs kleinste Detail geplant und wir werden mit der modernsten Ausrüstung ausgestattet. Ist das nicht irre? Das wird super!“ Als er ihren besorgten Blick sah, schmunzelte er und nahm sie in die Arme. „Keine Sorge. Ich pass schon auf mich auf. Nicht umsonst mache ich seit meiner Kindheit Karate. Das wird mir beim Kampf gegen Eisbären bestimmt helfen.“

 

Ihr blieb fast das Herz stehen. Wie bitte? Kampf gegen einen Eisbären? Als sie sein schelmisches Grinsen sah, musste sie lachen. Vielleicht war sie wirklich überängstlich gewesen.

 

Und jetzt war Paul fort. Verschollen im ewigen Eis. Vor zwei Tagen hatte plötzlich ein Mitarbeiter der Firma Foresight Inc. in der Tür gestanden und ihr mitgeteilt, dass die Expeditionsgruppe in einen Schneesturm geraten sei. Und obwohl sie für einen solchen Fall ausgerüstet gewesen seien, habe man den Kontakt verloren. Allerdings würde alles Erdenkliche getan, um sie zu suchen und zu bergen. Ob lebendig oder tot, hatte er nicht gesagt.

 

Helmut kam ins Wohnzimmer und sah seine Frau gedankenverloren und leicht zitternd vor der offenen Terrassentür stehen. Er nahm sich eine Strickjacke, die über der Lehne des Sessels hing, und legte sie Matilda um die Schultern. Dann nahm er sie wortlos in die Arme.

 

„Hoffentlich geht’s ihm gut“, flüsterte sie und fügte aus ganzem Herzen hinzu: „Ich wünschte er würde zurückkommen und mit uns Weihnachten feiern!“

Möglicherweise schloss sie für einen Moment die Augen, oder Tränen vernebelten ihren Blick – jedenfalls sah sie das Aufblitzen am Himmel nicht.


Das Weihnachtswunder reckte und streckte die kleinen Arme und Beine genüsslich von sich. Schüttelte den Kopf, um wach zu werden, verstrubbelte mit beiden Händen seinen blonden, wirr vom Kopf abstehenden Haarschopf und nahm einen tiefen Atemzug der frischen Bergluft.

Lachend rief es vom Gipfel hinunter: „Hallo, Erde! Hallo, ihr Tiere! Hallo, ihr Menschen! Weihwunni ist wieder da! Gut gelaunt und frisch geschlüpft!“ Weihwunni, den Namen hatte es sich selber gegeben. Er klang so fröhlich und ausgesprochen melodisch, fand es. Das Weihnachtswunder lächelte und zupfte das weiße Hemdchen mit den langen Trompetenärmeln glatt. Unter der weißen Hose, die ihm bis zu den Knöcheln reichte, schauten zwei nackte Füßchen heraus, deren Zehen lustig wackelten. „Alles da, alles dran, dann kann‘s ja losgehen! Ach nein!“ Fast hätte es was vergessen.

Ein starker Wind, der damit beschäftigt gewesen war, die dicken Schneewolken vor sich herzutreiben, hatte das Weihnachtswunder, nachdem es aus dem Energieball geschlüpft und noch nicht ganz bei Kräften gewesen war, aufgefangen und hier auf dem Gipfel sacht abgesetzt. „Vielen Dank, Wind“, brüllte Weihwunni. „Es war mir eine Freude, mit dir zu fliegen!“

 

Jetzt war es aber höchste Zeit aufzubrechen. Das Weihnachtswunder konzentrierte sich und spürte, wie sich auf seinem Rücken zwei hauchdünne, mit zarten Linien durchzogene Flügelchen bewegten. Es hopste in die Luft und nach einigen Versuchen hob Weihwunni ab und flog Richtung Stadt. Am liebsten wäre es direkt zum Nordpol aufgebrochen, um den Wunsch, an den es seit seiner Erweckung denken musste, zu erfüllen. Doch so einfach war das leider nicht.

Es sauste durch die Luft, schlug Purzelbäume, drehte Pirouetten und krähte vor Vergnügen. Fliegen war einfach herrlich!

 

Ein Windstoß schob ihm unversehens die weiten Trompetenärmel bis zu den Ellbogen hinauf. Dabei wurde eine faustgroße Perle, die mit einem seidigen Band an seinem Handgelenk befestigt war, entblößt. Dies war ein Weihnachtszaubersammler. Um Wünsche wahr werden zu lassen, brauchten die vielen Weihnachtswunder, die jedes Jahr erweckt wurden, eine besondere Kraft. Die Kraft des Weihnachtszaubers. Die Perle musste mit den funkelnden Glitzerteilchen randvoll sein, damit Weihwunni die Energie besaß, den Wunsch zu erfüllen.

 

„Das wird ein Kinderspiel!“, jauchzte es im Flug.

 

Wenn es sich da mal nicht irrte.

 

In der Stadt angekommen landete das Weihnachtswunder auf dem höchsten Gebäude und holte ein kleines, tropfenförmiges Schmuckstück, das es an einer feingliedrigen Kette um den Hals trug, unter dem Hemdchen hervor. Silberfäden umschlangen den gläsernen Tropfen, der mit feinem, weißen Sand gefüllt war. Langsam rieselten die Körnchen heraus. Dem Weihnachtswunder blieben 24 Stunden, um seine Aufgabe zu erfüllen.

 

„Immer dieser Zeitdruck“, schimpfte es. 48 Stunden wären ja für die Sammlung und die Erfüllung des Wunsches nicht zu viel verlangt gewesen. Ach egal. Es war so, wie es war. Die kosmischen Gesetze ließen sich nun mal nicht ändern.

 

Schulterzuckend kippte es rücklings vom Dachfirst und flog lachend und für die Menschen unsichtbar durch die Straßen der Stadt. Unablässig suchte es nach dem Glitzern und Funkeln, das der Zauber der Weihnacht versprühte, wenn er auftauchte.

 

Doch schon bald musste es feststellen, dass nur wenig Weihnachtszauber in der Luft lag. Die Menschen hasteten viel zu schnell durch die Straßen. Ein jeder hatte so viel zu tun, musste so viel erledigen. Immer dabei ein Smartphone, das half, die ganzen unaufschiebbaren Tätigkeiten auszuführen oder neue zu entwickeln. Sie hatten keine Ruhe, keine Zeit.

 

Die Kinder!, schoss es Weihwunni durch den Kopf. Kinder waren schon immer eine gute Quelle an Weihnachtszauberglitzer gewesen. Leider waren auch die sehr beschäftigt. Sie hetzten von Hobby zu Hobby, von Termin zu Termin, lernten für die Schule oder dröhnten sich mit allerhand elektronischem Kram zu. Keine Zeit, keine Ruhe -  kein Zauber.

 

Hör auf zu jammern!, befahl sich Weihwunni. Das nützt nichts. Es gibt ja noch Weihnachtszauber, nur halt weniger. Streng dich eben mehr an! Und das tat es dann auch.

 

Als die Nacht dämmerte, ließ sich Weihwunni erschöpft in ein großes, verlassenes Storchennest fallen. Ein Blick auf den Sammler verriet ihm, dass er bis zur Hälfte gefüllt war – nur bis zur Hälfte!

 

„Na“, hörte er plötzlich eine Stimme hinter sich. „Wohl auch keinen Erfolg gehabt, was?“

 

Ein anderes Weihnachtswunder tauchte aus der Dunkelheit auf und setzte sich neben Weihwunni. Es hatte einen schwarzen Haarschopf und große, traurige Augen.

 

„Ich kenne dich doch!“, sagte Weihwunni zaghaft. „Wir haben uns letztes Jahr auf dem Weihnachtsball im Wunderland getroffen. Du heißt Charlie, nicht wahr?“

Charlie nickte, knibbelte verlegen an seinen Fingernägeln und seufzte tief. „Ich habe es nicht geschafft.“

Es hob seinen Sanduhrtropfen hoch. Nur wenige Sandkörnchen befanden sich noch darin. „Ich hab alles versucht. Bin sogar in verschiedenen Städten gewesen und auf dem Land. Aber es hat nicht gereicht.“ Es hob Weihwunni den Sammler vor die Nase. Etwa ein Fingerbreit des Glitzers fehlte.

 

„Ich habe noch einige Stunden“, antwortete Weihwunni, bemüht so zuversichtlich wie möglich zu klingen.

 

„Die Menschen haben zu viel mit sich selber zu tun und keine Muße den Mitmenschen wahrzunehmen, geschweige denn sich um ihn zu kümmern.“ Charlie seufzte erneut. „Es sind schwere Zeiten.“ Mit einem traurigen Lächeln fragte es: „Sehen wir uns Zuhause im Weihnachtswunderland?“

 

Weihwunni nickte. Charlie winkte kurz und richtete den Blick zum Himmel hinauf. Das letzte Körnchen fiel aus seiner Sanduhr. Charlie löste sich auf.

 

Weihwunni blieb alleine zurück. Nachdenklich blickte es auf die Lichter der Stadt. Für ein Weihnachtswunder gab es nichts Schlimmeres, als den Wunsch nicht erfüllen zu können. Aber es kam ab und an vor. In den letzten Jahren immer häufiger.

 

Die Zeit wird auch für dich knapp, gestand es sich in Gedanken. Jetzt ist Nacht. Da schlafen die Menschen für gewöhnlich und morgen musst du nicht nur genügend Weihnachtszauber sammeln, sondern auch noch zur Arktis fliegen und Paul retten.

 

Es war kaum zu schaffen, oder etwa doch?

 

„Ich werde nicht aufgeben!“, machte es sich Mut. „Ich werde alles versuchen.“

 

Weihwunni sammelte die ganze Nacht. Es flog zu Krankenhäusern, Altenheimen, zu Obdachlosenunterkünften und Polizeistationen, zu Fast-Food-Ketten und großen Industriefirmen. Jedes Glitzerkörnchen zählte. Es war eine mühsame Arbeit, jedoch machte sie sich bezahlt.

 

Am nächsten Morgen war der Sammler bis auf einen Fingerbreit gefüllt. Das war gut, aber noch nicht gut genug.